Finanz-Prognosen und menschliche Dummheit (Teil 1)

Von Jürgen Lutz – IFRAS

Albert Einstein soll einmal gesagt haben: „Zwei Dinge sind unendlich: das Weltall und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir nicht so sicher.“ Derselbe Gedanke beschleicht mich regelmäßig in den Herbstmonaten, wenn alle erdenklichen kleinen und großen Adressen in der Finanzbranche ihre Prognosen fürs kommende Jahr veröffentlichen. Mir geht es hier nicht um die Qualität einzelner Vorhersagen, sondern um das Prognose-Unwesen an und für sich. Denn längst hat die Finanzforschung zweifelsfrei festgestellt: Die Trefferquote der Experten bei Aussagen über die Zukunft der Finanzmärkte ist sehr gering. Sogar unterirdisch gering.

Alle Jahre wieder werfen Experten einen Blick in die Glaskugel und prognostizieren den weiteren Lauf der Dinge an den Finanzmärkten. Foto: jirsak@adobe.com

Glaskugel-Gucker geraten quasi immer in Schieflage

Ist es dann wieder anders gekommen als man vorhergesagt hatte, ist es den Glaskuglern am liebsten, wenn sich niemand an ihre Fehlleistung erinnert. Alternativ finden die in Schieflage geratenen Auguren gute Gründe, mit denen sie erklären, warum die Realität von ihrer Prognose abgewichen ist. Bemerkenswert ist fast immer der Duktus dieser Erklärungen. So gut wie nie heißt es in klarem Deutsch: „Wir haben uns mit unserer Prognose geirrt“ oder gar „Wir lagen falsch“. 

„Prognosen sind der Versuch, das nicht zu Wissende vorherzusagen, indem man das Irrelevante misst. Diese Aufgabe beschäftigt die meisten Leute an der Börse.“

– Jason Zweig, „The Devil’s Financial Dictionary“ –

Oh Gott, „falsch“ – wie das schon klingt, nach absoluter Under-Performance! Vielmehr tönt es meist so, als ob sich die Realität nicht an die wohlbegründete Prognose gehalten hat, was wortreich untermauert wird. Ganz nach dem Motto: Wie unverfroren die Wirklichkeit dieses Mal doch wieder war! Im Unterton hört man heraus, dass dies nun wirklich niemand wissen konnte! Warum aber gibt es dann überhaupt Vorhersagen, wenn „man“ es gar nicht sehen konnte?  Solche Fragen fallen nonchalant unter den Tisch. Stattdessen legen die Glaskugler ihre Fehlprognose zu den Akten und machen im kommenden Jahr munter damit weiter. Die Parallelen zum alten Adenauer – „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern!“ – sind nicht zu übersehen.

Grotesk: Wenn man über das Unsagbare reden muss

Beschleicht auch Sie bei dieser Betrachtung ein leichtes Gefühl des Grotesken? Falls ja, sehen wir die Welt durch eine ähnliche Brille. Um weiterhin rational vorzugehen, sollten wir uns ein paar einfache Fragen stellen: Welche Parteien treiben eigentlich das Prognose-Karussell an? Und welches psychologische Motiv könnte hinter dem gesamten Glaskugel-Business stehen? 

„Der Aktienmarkt ist ein Schönheitswettbewerb, bei dem nicht diejenigen Geld machen, die das schönste Gesicht auswählen, sondern diejenigen, die erraten, welches Gesicht die anderen am schönsten finden werden.“

– John Maynard Keynes –

Klar ist: Finanzielle Akteure wie Banken, Forschungsinstitute, Investmentberater etc. bringen sich mit Prognosen nicht nur in Stellung, sondern auch in die Erinnerung des Publikums und sichern so ihre Geschäftsgrundlagen. Wer keine Meinung über die Zukunft äußert, sortiert sich in diesem Umfeld selber aus – getreu dem Motto: Hast Du nichts über das Unsagbare zu sagen, kannst Du nichts taugen. Also lautet das ungeschriebene Gesetz: „Du musst mitmachen, oder du bist weg vom Fenster“. Insofern ist das Verhalten der Finanzbranche in Bezug auf ihre Zwecke durchaus rational. Vernünftig ist es deshalb nicht (siehe oben). 

Melk’ die Prognose-Kuh, wenn Du eine hast

Echte Prognose-Profis wissen zudem: Falsche Vorhersagen vergisst das Publikum schnell. Landet man aber einen spektakulären Treffer mit einem Forecast, lässt sich die Kuh auf Jahre hinaus melken – etwa so: „Ich habe vor fünf Jahren prognostiziert, dass Gold von 2.000 Dollar aus die Marke von 10.000 Dollar erreichen wird – und jetzt ist es so weit.“ Im kaum versteckten Subtext lautet die Botschaft: Mit mir könnt Ihr Euch dumm und dämlich verdienen. Kauft meine Produkte, kauft, kauft… 

„Selbst die besten Börsenpropheten sind kaum erfolgreicher als das, was man als Ergebnis reinen Zufalls erwarten würde.“

– US-Ökonom Albert Cowles –

Solche One-or-Two-Wonder-Hits sind Lieblinge der Finanzmedien, die ihre Leser gegen Jahresende mit auf die Reise in die Zukunft nehmen. Inzwischen geschieht dies schon im Oktober, denn „Weihnachten kommt ja auch immer früher“. Je saftiger diese Prognosen, desto höher ist der Aufmerksamkeits-Wert für die Blätter respektive Online-Portale. Also spitzt man zu, bis auf dem Titelblatt oder im Newsletter eine Schlagzeile prangt, bei der die Betrachter unwiderstehlich angefixt werden. Hinzu kommt, dass die Banken mit Anzeigen die redaktionellen Ergüsse über ihre Prognosen abrunden und so zum Überleben der Medien beitragen. Diese wären mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn sie diese Kuh im Regen stehen ließen statt sie zu melken. Auch hier sticht die Logik des (Medien-)Systems die Vernunft aus – siehe oben.

Fazit: Das Prognose-Business läuft nicht zuletzt deshalb rund, weil zwei maßgebliche Akteure rationale Gründe dafür haben. In Kürze klären wir, welches psychologische Problem des Publikum mit diesen Prognosen eigentlich lösen will – und warum das definitiv nicht funktionieren kann. 

Urheberrecht: IFRAS/Jürgen Lutz

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