Nullzins treibt immer mehr Anleger in sinnlose Risiken

Von Jürgen Lutz

Wer heute deutsche Staatsanleihen mit 20 Jahren Laufzeit kauft, bekommt dafür exakt nichts! Kein Wunder, dass börsennotierte Unternehmen in diesem Umfeld nur geringe Zinsen für neue Schulden zahlen müssen. Die Anleger in ihrer Not reißen ihnen die mickrig verzinsten Anleihen aus den Händen – oft ohne die Risiken zu kennen.

Bankaufseher warnen vor Schulden-Fiesta

Von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) kamen vor einiger Zeit warnende Worte. Weltweit haben Unternehmen riskante Kredite in Höhe von 3.000 Milliarden US-Dollar aufgenommen, so die BIZ, die als Zentralbank der Zentralbanken gilt. Wie so oft, spielen die USA dabei die Vorreiterrolle. Getrieben wird der Anstieg dort und in Europa vor allem durch die auf Hochtouren laufende Emission von Anleihen – und es sind laut BIZ in erster Linie Unternehmen mit geringer Kreditwürdigkeit, die sich neues Geld beschaffen. BIZ-Chef Agustín Carstens sieht „verstärkte Ausfallrisiken“. So seien die  Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen so niedrig gewesen wie noch nie, obwohl die Wirtschaftskrise die Kreditqualität wegen der Corona-Krise deutlich verringert habe.

Anleger pumpen viel Geld in Firmenanleihen

Die meisten Anleger scheren diese Warnungen wenig. Sie pumpen seit Jahren Geld in aktiv verwaltete Fonds, aber auch Indexfonds (ETFs), die auf Unternehmensanleihen setzen – ob diese nun als „Investment Grade“ oder als „High Yield“ geratet werden (siehe unten). Doch zumindest mit Investment Grade-Anleihen ist unter Rendite-Aspekten derzeit kaum ein Blumentopf zu gewinnen. So beträgt die Effektivverzinsung des mit 2.600 Anleihen recht repräsentativen iShares Core Euro Corporate Bond aktuell gerade mal 0,43 Prozent. Grund für den Mickerzins: Bei Vater Staat zahlen Anleger für jedes Jahr 0,6 Prozent drauf – immerhin ein Unterschied von einem Prozentpunkt.

Oft unbekannte Risiken bei Junk Bonds 

Selbst mit den gefährlicheren Hochzinsanleihen wachsen die Zinsbäume in Europa nicht in den Himmel. Wer sich entsprechende Fonds ins Depot legt, kann mit einem Effektivzins von knapp drei Prozent rechnen. Doch was sich in diesen Zeiten nach recht viel anhört, ist angesichts der Risiken zu wenig. Denn bei Hochzinsanleihen gibt es erhebliche Verlustrisiken, etwa wenn allgemein die Zinsen steigen. Das zeigte sich deutlich, als der fünf Milliarden Euro schwere iShares Euro High Yield Corporate Bond in der Corona-Krise parallel zu den Aktienmärkten nach unten rauschte: In kurzer Zeit verlor der ETF mehr als 20 Prozent an Wert. Inzwischen hat er wieder neue Allzeithochs erreicht. Gleichwohl besteht die Gefahr, dass bei trüberen wirtschaftlichen Aussichten die Ratingagenturen Anleihen von finanziell angeschlagenen Unternehmen herunterstufen. Die Folge: Die Firmen kommen immer schwerer an Geld; den Anlegern drohen Kursverluste. Da dürfte ein Zins von knapp drei Prozent es kaum herausreißen.

Kredite fließen auch in Aktienrückkäufe 

Ein wichtiger Grund für die Schulden-Fiesta: Etliche Unternehmen, vor allem aus den Vereinigten Staaten, kaufen mit dem frisch geliehenen Geld eigene Aktien zurück. Das verknappt das Angebot und lässt den Aktienkurs steigen, weshalb (Groß)anleger offensiv Aktienrückkäufe fordern – mit Erfolg: 2018 belief sich das Volumen dieser Rückkäufe auf eine Billion Dollar, so der Informationsdienst etfdatabase. Im Folgejahr sahen die Zahlen ähnlich aus. 2020 ging das Volumen wegen der Corona-Krise etwas zurück, fing sich aber danach wieder. Selbst Warren Buffett kauft jetzt offenbar Anteile seiner Investmentfirma Berkshire Hathaway zurück.

Schulden kommen günstiger als Dividenden

Den Unternehmenslenkern, aber auch etlichen Anlegern kann dieser Trend recht sein: Zum einen profitieren sie dank eigener Aktien und Aktienoptionen persönlich vom steigenden Aktienkurs der Unternehmen. Zum anderen müssen die Firmen für die Zinszahlungen weniger ausgeben als bislang für Dividenden – ein gutes Geschäft, das den Gewinn erhöht und damit den Aktienkurs stützt oder gar treibt. Alternativ lässt sich mit der Ersparnis die Dividende pro Aktie erhöhen, was die Aktie ebenfalls attraktiver macht. Seit einiger Zeit gibt es sogar Indexfonds, die nur Firmen enthalten, die eifrig Aktien zurückkaufen.

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Kreditratings: Jeder Buchstabe zählt

Bei Unternehmensanleihen unterscheiden Ratingagenturen wie Standard & Poor’s oder Moody’s im Wesentlichen zwei Kategorien von Schuldnern: Investment Grade (IG) und High Yield (HY). Die Klassifizierung als IG bedeutet, dass die Agentur die Zahlung der Zinsen wie auch die Rückzahlung des Kapitals für sehr wahrscheinlich hält, was ein geringeres Risiko für Kreditgeber bedeutet. Die Buchstaben-Kombinationen „AAA“ und „AA“ bezeichnen eine hohe Kreditqualität, „A“ und „BBB“ beschreiben eine mittlere Kreditqualität, wobei alle zusammen als Investment Grade gelten. Ratings wie BB, B, CCC, CC, C besagen, dass die Kreditwürdigkeit des Unternehmens als gering oder sogar schlecht eingestuft wird (Ratingsystem von Standard & Poor’s). Daher bezeichnet man High Yield-Anleihen auch als Ramsch- oder Schrottanleihen. Wird die Kreditwürdigkeit eines Unternehmens von IG auf HY zurückgestuft, führt dies oft zu Kursverlusten.